20.08.2023 12:34 - bearbeitet 21.08.2023 17:50
Liebe Börsenfreunde,
da müssen wir jetzt durch! Im Hochsommer herrscht traditionell schlechte Stimmung an der Börse. Also, im Grunde genommen gibt es im Sommer überhaupt keine Stimmung, weder gute noch schlechte, weil die meisten Anleger schlicht im Urlaub sind* und sich nicht um ihre Aktien kümmern. Dann gurken die Kurse im August und im September so vor sich hin. Diese beiden sind in den meisten Jahren die schlechtesten Börsenmonate, und auch diesmal sieht es so aus, als ob die Regel gilt. Die Aktienmärkte stecken in der Korrektur, die ich Euch seit April angekündigt habe. Angesichts der eher durchwachsenen Inflationsdaten aus den USA sind die Anleger einfach etwas vorsichtiger geworden.
Auch wenn in der Presse manchmal schlechte Laune verbreitet wird:** Die meisten Unternehmen stehen gut da, die Zahlen der letzten Berichtssaison waren im großen Ganzen robust. Fast alle haben beim Gewinn positiv überrascht, etwas mehr als die Hälfte erfreulicherweise auch beim Umsatz.*** Bis auf die bekannten Tech-Titel sind viele Aktien inzwischen auch moderat bewertet. Andererseits geht der Entzug der Liquidität an den Märkten weiter: Neben der bekannten Geldmengenkontraktion durch das Quantitative Tightening in Amerika kommt aus einer anderen Ecke Gegenwind: Die Amerikaner planen bis Ende des Jahres die Emission von Staatsanleihen bis zu 1 Bio. Dollar. Da geht ordentlich Geld verloren, das sonst in Aktien investiert worden wäre oder das sogar aus Aktien abgezogen wird. Am Geldmarkt (kurz laufende Anleihen) sind bereits wieder Renditen um 5 Prozent drin, und sogar Deep-Discount-Zertifikate wie PD7296 (Rendite: 5,2% p.a.) oder PD729U (Rendite: 4,8% p.a.; beide sind im August bei comdirect gebührenfrei handelbar) eignen sich wunderbar als Geldparkplatz über den Sommer!****
Anleihen werden attraktiver
Die Realrendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen erreicht knapp 2 Prozent, der höchste Stand seit 2009. Das treibt die Investoren jetzt in den Dollar. Die Zinsstrukturkurve ist also invers, lang laufende Anleihen bringen weniger Rendite als Anleihen mit kurzer Restlaufzeit; das ist typisch für rezessive Wirtschaftsphasen. Auch Warren Buffett kauft im Moment nur Kurzläufer am Geldmarkt: Er befürchtet steigende Zinsen am langen Ende, die hohe Kursverluste für lang laufende Anleihen bringen würden. Hedgefondsmanager wie Bill Ackman gehen noch weiter und shorten den Future für 30-jährige Anleihen. Meine Leserinnen und Leser können dafür Zertifikate wie beispielsweise das schon öfters empfohlene SF575U nutzen, das auf fallende Kurse bei den US-Staatsanleihen***** setzt und ein klarer Kauf ist (Stopkurs für das Zertifikat: 31 Euro). Das entsprechende Produkt für deutsche Staatanleihen (der FGBL****** mit der WKN 965264) kennt Ihr ebenfalls schon: Die WKN SF5USV bewegt sich allerdings seit November seitwärts, weil der Bund-Future nur ganz sanft von 140 auf 130 Prozent gefallen ist und der Gewinn von den Finanzierungskosten des Zertifikates aufgefressen wurde (Stopkurs 61 Euro). Kein zwingender Kauf also.
Spannend an der aktuellen Korrektur ist die Entwicklung der Nasdaq. Bei den Tech-Aktien sind die Kurse zwei Wochen in Folge gefallen, das gab es zuletzt im Februar. Möglicherweise läuft die Euphorie rund um das Thema KI aus: Microsoft, Super Micro Computer, Splunk, Broadcom, Palantir schwächeln deutlich. Nur Nvidia und Adobe steigen einstweilen noch weiter. Wie lange noch? Wer hier investiert ist, hat definitiv alles richtig gemacht und zieht jetzt bitte seine Stopkurse nach.
Blutbad bei Nebenwerten
Noch sind die Korrekturansätze bei den ganz großen Blue Chips zaghaft. Doch viele Nebenwerte erleben ein wahres Blutbad. Schaut Euch mal Krones, Sixt, Deutz oder die Baywa an! Im Gegensatz zu den großen global agierenden Konzernen ist der Mittelstand auf Gedeih und Verderb den Standortbedingungen im Heimatland ausgesetzt. Oft sind die Absatzmärkte auch weniger international. Investoren meiden diese illiquiden Sektoren. Der MDAX bewegt sich auf dem Niveau von Ende 2019 und bis zum Top fehlen noch 31 Prozent. Dem SDAX fehlt sogar ein Drittel. Das geht seit Jahren so, und Besserung ist nicht absehbar. Wer sich im Bereich der Nebenwerte bewegt, hat somit aktuell nur zwei Optionen: Kauf in speziellen Sondersituationen (potenzielle Übernahme, operative Beschleunigung etc.), oder Kauf nach starken Kurseinbrüchen, die fundamental völlig überzogen sind. Beides sind meiner Meinung nach keine Strategien, die aktuell nachhaltig Erfolg versprechen. Es ist eher ein Glückspiel. Indes:
Hier zeigt sich wieder etwas, was mir schon seit längerem große Sorgen bereitet: Die Rally seit September 2022 wurde zuletzt nur noch von sehr wenigen, großen Titeln getragen. Im Grund genommen haben wir den Anstieg des S&P 500 nur den üblichen Verdächtigen zu verdanken: Apple, Alphabet, Adobe, Amazon, Meta, Microsoft und Nvidia haben den Index getrieben. Alle anderen Aktien haben sich im Durchschnitt nicht bewegt. Das erkennt man, wenn man sich die Kurse ansieht, man erkennt es aber auch ganz deutlich an den Indikatoren für die schwache Marktbreite: Die Advance-Decline-Linie fällt -- unter Schwankungen -- bereits seit dem Jahreswechsel 2021/22, und die Anzahl der Aktien weltweit, die noch über ihrer 200-Tage-Linie notieren, ist am Freitag auf 41 Prozent gefallen -- so tief wie seit Januar nicht mehr. Passend dazu ist auch das Weltmomentum abgestürzt auf 97 Prozent, ebenfalls so tief wie Anfang Januar. All das sind klare Signale, dass die Aktienmärkte innerlich nicht mehr "gesund" sind. Diese Signale gibt es seit Monaten; meine Vorhersage einer Korrektur war jetzt wirklich nicht besonders schwierig.
Wie geht es weiter?
Der Abwärtsdruck dürfte sich bis in den Herbst hinein verstärken. Eine solide Cashquote von vielleicht 30 Prozent hat oberste Priorität; nur so seid Ihr handlungsfähig auf der Kaufseite, wenn sich neue Aufwärtstrends herausbilden. Ende September/Anfang Oktober darf man dann wieder voll investiert sein. Ich habe Euch in den letzten Monaten diverse Produkte an die Hand gegeben, mit denen Ihr von fallenden oder zumindest nicht stark steigenden Kursen profitieren könnt. Mit allen meinen Empfehlungen liegen meine Leserinnen und Leser dick im Plus. Sogar die beiden Produkte mit der 16500-Schwelle (WKN PD2K3C und PE5YF5), die Ende Juli intraday gerissen wurde*******, werden voraussichtlich zum Höchstkurs eingelöst werden, weil der DAX unter dem Floor von 16000 Punkten liegt. So geht professionelles Portfoliomanagement; man kann auch Geld verdienen, wenn die Kurse fallen oder rumgurken. Das Fachbegriff lautet "Seitwärtsrendite". Kürzlich habe ich weitere Empfehlungen dazu gegeben. Auch die bekannten, aber extrem riskanten Inline-Optionen auf den DAX können in dieser Situation für Anleger interessant sein, die genau wissen, was sie tun.
So eine Korrektur hat natürlich immer auch positive Seiten. Für langfristige Anleger ergeben sich Chancen, gute Aktien zu tieferen Kursen einzusammeln. Wichtig dabei ist, dass Ihr keine Tiefflieger aufsammelt (klicki-di-klick), sondern fundamental gesunde Aktien in einem schönen Aufwärtstrend. Denn Aktien mit sehr niedrigen Kursen sind nur deswegen so billig, weil niemand Interesse am Kauf hat. Aktienkurse bilden sich ja immer nur nach Angebot und Nachfrage und niemals wegen einer vermeintlichen Über- oder Unterbewertung. Wenn aber außer Euch niemand Interesse daran hat, die Aktie zu kaufen, warum sollte sie dann nach Eurem Kauf steigen? Natürlich mag es im Einzelfall einen Katalysator für steigende Kurse geben, aber wenn Ihr die einzigen seid, die ihn sehen, dann sind die Chancen auf Kursgewinne schlecht. Solche Titel sind in der Regel totes Kapital, das in anderen Aktien viel besser aufgehoben ist. Aus diesem sehr einfachen Grund funktionieren Trendfolgestrategien so gut, und sie sind nicht mit großem Rechercheaufwand verbunden. Technisch orientierte Anleger achten darauf, Aktien zu kaufen, die oberhalb ihrer 200-Tage-Linie notieren.
Krisenfeste Aktien für Euer Depot
Ich habe für Euch heute Aktien herausgesucht, die in fast allen Krisen und auch jetzt im Kurs steigen. Die Idee dabei ist folgende: Eure Performance entscheidet sich vor allem in Krisenzeiten. Schönwetterbörse kann jeder, doch intelligente Anleger begrenzen ihre Verluste, wenn es mal nicht in die richtige Richtung geht! Am besten ist es natürlich, wenn man Aktien hat, die auch in schlechten Börsenphasen weiter steigen oder zumindest nicht stark fallen. Daher habe ich meine umfassende Datenbank nach Aktien durchsucht, die auch in Krisenphasen eine gute Figur gemacht haben. Konkret habe ich die folgenden sieben Zeiträume als "Krisen" definiert -- für Euch gleichzeitig ein Rückblick auf über 20 bewegte Jahre an der Börse:
Basis meiner Auswertung waren rund 20.000 Titel aus aller Welt, in einer gigantischen Datenbank mit 120 Millionen Einzelkursen. Zunächst habe ich alle Instrumente gestrichen, die keine ausreichend lange Kurshistorie haben. Übrig geblieben sind 5900 Titel mit Kursen von mindestens 2007 bis 2023, für die ich die Entwicklung während der genannten sieben Krisen untersucht habe. Bedingung war, dass die Aktien nur in maximal einer der sieben Krisen, die sie miterlebt haben, eine negative Performance hatten. Dieser Filter beschränkt die Liste auf nur noch etwa 100 Aktien. Dummerweise sind aber noch Titel dabei, die nur in den Krisen eine gute Performance hatten, sonst aber im wesentlichen im Kurs gefallen sind. Aus diesem Grund war das nächste Kriterium, dass die Kursperformance pro Jahr insgesamt mindestens 5 Prozent p.a. beträgt (zuzüglich Dividende) -- denn sonst kann man sein Geld gleich in Geldmarktfonds parken, siehe oben! Noch etwa 40 Titel erfüllen auch diese Bedingung. Als letzter Schritt wollen wir ja nur Aktien im Aufwärtstrend kaufen, also habe ich solche Aktien herausgesucht, die über ihrer 200-Tage-Linie liegen (also RSL = relative Stärke nach Levy = aktueller Kurs geteilt durch Wert der 200-Tage-Linie = über 100 Prozent). Jetzt gibt es nur noch 16 Treffer. Die findet Ihr in der folgenden Tabelle, und zwar sortiert nach der durchschnittlichen Performance in den sieben Problemphasen. Diese 16 Aktien sind nicht unbedingt meine langfristigen Favoriten, aber zumindest ein guter Kauf und ideal für die aktuelle Lage.
Wie gewohnt versorge ich Euch gleich mit den passenden Stopkursen. Denn ich kann mich irren (tatsächlich passiert das sogar sehr häufig), und dann sichern die Stopkurse Euch ab, falls meine Empfehlungen Mist sind.
Siehe da: ganz an der Spitze taucht ein Name auf, den vielleicht noch nicht jeder von Euch kennt. Capcom aus Japan ist ein Videospiel-Hersteller. Neben Flippern und Arcade-Automaten stammt beispielsweise Resident Evil von Capcom. Die Abkürzung steht übrigens für Capsule Computers.
Antworten auf Eure Fragen
Ich möchte abschließend noch paar Leserfragen beantworten, die von allgemeinem Interesse sind. Einige von Euch haben mich um eine Einschätzung von K+S, BAT, Verizon und Telefonica Deutschland gebeten und gefragt, wie man Stopkurse vorgibt. Die vier Aktien haben die Leser wegen der hohen Dividendenrendite gekauft, die bei Telefonica Deutschland ja scheinbar sogar steuerfrei gezahlt wird; sollte man hier nachkaufen und "verbilligen"? Hier ist meine klare Antwort dazu:
British American Tobacco (WKN 916018): Wirklich schade. Bis 2016 ein Wert wie aus dem Bilderbuch, seitdem geht es nur noch abwärts. Unterhalb von ungefähr 26 Euro brennt der Baum. Die Leute rauchen immer weniger. Gibt es einen Katalysator, warum die Aktie bald wieder steigen sollte? Bin ich der einzige, der diesen Katalysator kennt (denn sonst würden Profis die Aktie kaufen und der Kurs würde steigen)? Man bedenke auch: Bei einer Dividendenkürzung würde der Titel abstürzen. Da sollte man jetzt die Notbremse ziehen und verkaufen. Ihr könnt der Aktie eine letzte Chance geben und bei etwa 28 Euro einen Stop Loss installieren: Wenn die Aktie unter 28 Euro fällt, wird sie vollautomatisch verkauft.
Ähnliches gilt für Verizon (WKN 868402). Seit über einem Jahr geht es abwärts. Einzige Hoffnung ist die Dividende. Das Problem ist, dass solche Aktien als Anleihe-Ersatz gekauft werden, solange die Zinsen niedrig waren. In Zeiten steigender Zinsen kaufen die Leute lieber wieder echte Anleihen, und dann leiden Aktien mit hoher Dividende (Telekommunikation, Versorger). Bitte verkaufen oder -- als letzte Chance -- einen Stop Loss bei ca. 27 Euro vormerken. Ich will nicht verschweigen, dass ich im Juli in Verizon eingestiegen bin, das würde ich Euch aber nicht empfehlen. Es ist eher eine Kamikaze-Aktion von mir.
Telefonica Deutschland (WKN A1J5RX): Bloß die Finger weg! Verluste zu reduzieren, indem man nachkauft und "verbilligt", ist einer der größten Fehler, den man an der Börse machen kann. Ihr werft gutes Geld schlechtem Geld hinterher. Die Aktie fällt seit zehn Jahren (!!!) -- mit extrem großen Schwankungen, bei denen nur kurzfristige Trader Geld verdient haben. Warum sollte sie jetzt auf einmal langfristig steigen? Wenn Ihr einen Grund für Kurssteigerungen kennt, seid Ihr offenbar die einzigen, denn die Profis kaufen die Aktie im Moment (und schon seit zehn Jahren) nicht -- sonst würde der Kurs steigen. Die Aktie ist bitte ein sofortiger Verkauf ohne Stopkurs. Übrigens ist die Dividende bei Telefonica Deutschland nicht steuerfrei. Das ist eine optische Täuschung. Die Auszahlung reduziert die steuerlichen Anschaffungskosten, so dass man die Dividende beim Verkauf der Aktie nachversteuert.
K+S (WKN KSAG88) ist seit 2008 (!!!!) ebenfalls ein Trauerspiel. Im Zuge des Ukraine-Kriegs ging es in 2022 mal nach oben, aber das war nur eine Zwischenerholung im Abwärtstrend. Die Aktie sieht nicht gut aus. Bitte Stopkurs bei ungefähr 14,20 Euro (unter dem Tief im Mai/Juni 2023). Wer mehr als ca. 200 K+S-Aktien hat, darf für die Hälfte einen trailing-Stop-Loss bei 16,50 Euro (unter dem Tief im August 2023) installieren mit trailing-Abstand 10 Prozent. Auf diese Weise wird der Stopkurs automatisch nachgezogen, wenn die Aktie über den Hochpunkt im August 2023 steigt.
Konservative Anleger sollten alle vier Aktien verkaufen oder zumindest mit einem Stopkurs absichern. Faustregel: von Aktien, die ein Neun-Monats-Tief erreichen, sollte man sich verabschieden. Geld, das in solchen Aktien steckt, ist totes Kapital. Nehmt die Kohle und kauft davon lieber Aktien, die im Kurs steigen. Denn schließlich wollt Ihr an der Börse ja Geld verdienen! Das führt natürlich zu der berechtigten Frage:
Wie setzt man Stopkurse?
Welche Schwankungen erlauben wir der Aktie? Ich habe ja schon öfters gesagt, dass ich mehrere Bücher darüber schreiben könnte. Stopkurse sind im Wesentlichen eine Frage der Erfahrung. Man erkennt die Unterstützungen, Trends und auch die typischen "Atembewegungen" einer Aktie in einem 2-Jahre-Diagramm ganz gut. Viele Anleger machen den Fehler und achten zu sehr auf kurzfristige Tagesschwankungen. Ihr seid aber keine Daytrader! Das predige ich immer und immer wieder, und doch lese ich regelmäßig in der Community Fragen wie "warum ist der Kurs heute um 5 Prozent abgestürzt", freilich nachdem er sich vorher innerhalb einiger Jahre verdreifacht hat.
Ein Profi schaut sich zum Beispiel einen logarithmischen Zwei-Jahres-Chart der Aktie an und sieht auf Anhieb, wo man sinnvolle Stopkurse setzen kann. Für Anfänger ist es etwas schwieriger. Wichtig ist aber: Stopkurse sind eine Heuristik und keine Wissenschaft! Es ist besser, einen etwas ungünstigen Stopkurs zu setzen als Aktien völlig ohne Absicherung zu halten. Kleine "Unfälle" passieren auch mir immer wieder. Ganz oft werde ich ungewollt ausgestoppt, aber dann verbietet mir ja niemand, wieder einzusteigen, wenn die Aktie nach oben dreht.
Aber ich investiere doch in Konzerne und Firmen und will nicht kurzfristig an der Börse spekulieren! So wie Warren Buffett! Brauche ich da trotzdem Stopkurse? Auch so eine Frage, die regelmäßig kommt. Die Aussage "ich investiere in Firmen" belegt ein großes Missverständnis: Was uns alle eint, ist dass wir an der Börse Geld verdienen wollen. Vermessen ist allerdings der Vergleich: Natürlich braucht Warren Buffett keine Stopkurse, denn wenn in einem Laden, den er übernommen hat, die Zahlen nicht passen, dann wird er irgendwann das Management austauschen, bis die Ergebnisse wieder stimmen. Im übrigen hat er durch die direkten Kontakte in die Unternehmen auch einen großen Informationsvorsprung gegenüber dem normalen Anleger. Ein Amateur mit ein paar tausend Euro hat nicht diese Möglichkeiten! Das Management spricht im Zweifel ja noch nicht mal mit mir. Wenn sich mein Investment nicht gut entwickelt und ich entschuldige das damit, dass ich ja "in Konzerne investiere", dann ist das nichts anderes als eine Entschuldigung für einen Fehler, den ich gemacht habe und mir aber nicht eingestehen will. Denn im Zweifel liege ich freilich richtig und alle anderen haben unrecht. Fehlende Demut vor dem Markt, der immer recht hat, ist aber eine der Grundschwierigkeiten vieler Hobbyanleger und führt dazu, dass sie langfristig schlechter abschneiden als die Profis. Die konsequente Begrenzung von Verlusten ist eine Grundvoraussetzung, damit man dauerhaft erfolgreich ist. Ob man das automatisiert mit Stopkursen macht oder ob man ein Investment, das gegen einen läuft, irgendwann aktiv verkauft, ist dabei Geschmacksache. Ein gutes Beispiel, warum Stopkurse besser sind als abzuwarten, habe ich allerdings gerade letzte Woche wieder schmerzhaft selbst erlebt:
Ich mache die gleichen Fehler wie alle anderen
Nur damit niemand denkt, dass ich mich immer selbst an meine eigenen Regeln halte: Die Aktie von Adyen (WKN A2JNF4) hatte dummerweise keinen aktiven Stop Loss an der Börse, nur einen "vorgemerkten" ICO-Stopkurs im Computer. Das Papier hatte seit September 2022 einen recht stabilen Verlauf; da hat mein Computer keine Notwendigkeit gesehen, die Aktie wirklich abzusichern. Und dann kam mit den grottenschlechten Zahlen am Donnerstag letzter Woche der Absturz um über 40 Prozent. Ein Clusterfuck! Bei 880 Euro habe ich das Papier dann am Freitag manuell verkauft. Wenn die Aktie jetzt wieder steigt, kennt Ihr den Grund. Übrigens auch den Grund für meinen heutigen Beitrag, denn zur Strafe musste der Großrechner die oben erwähnten 120 Millionen Einzelkurse durcharbeiten. Das soll ihm eine Lehre sein, meinem Computer. Tatsächlich ist es in der Theorie ganz einfach:
Verluste zu begrenzen und ansonsten Gewinne laufen zu lassen ist wirklich das (gar nicht so geheime) Geheimrezept für Erfolg an der Börse. Und zwar, das ist ganz wichtig zu verstehen, völlig unabhängig von Eurer Strategie (fundamental, Trend, Trading, Dividenden, Turnaround, News-Trading, Dartpfeile, Spielcasino, was auch immer). Die Strategie entscheidet vor allem über den Einstieg in Aktien. Die Verlustbegrenzung dagegen hat mit dem Ausstieg zu tun. Beides wird, auch in unserer Community, sehr oft verwechselt! Übrigens:
Gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wachsen nicht auf Bäumen. comdirect leidet genauso unter dem Fachkräftemangel wie fast alle anderen Unternehmen. Mitunter zeigt sich das, wenn man als Kunde am Telefon warten muss und sich verständlicherweise darüber ärgert. Aus diesem Grund geht heute ein ganz besonders herzlicher Gruß nach Leipzig und nach Halle. Dort sitzen Leute, die hervorragende professionelle Arbeit leisten und die Kundenbetreuung in Quickborn entlasten, damit die Wartezeiten am Telefon für uns Kunden wenigstens ein bisschen reduziert werden können. Wie ich höre, liest man auch dort meine Beiträge; das freut mich sehr.
Damit wünsche ich Euch allen einen schönen Sonntag und viel Spaß an der Börse
herzliche Grüße aus einem hochsommerlichen München
an alle, die hier noch lesen und nicht bereits eingeschlafen sind
nmh-Team
___________________________________
*) Einige berichten ja sogar hier in der Community gerne von ihrem Urlaub
**) Das liegt auch daran, dass Verlage unter steigenden Kosten, vor allem für Papier, leiden und sparen. Mit künstlicher Intelligenz generierte Billigtexte brauchen keinen sauberen Journalismus, so richtig mit Recherche und so. Das bekommen die Redakteure und Autoren zu spüren, und dann ist natürlich immer die Bundesregierung schuld. Außerdem lesen die Leute sowas gern.
***) Fundamentaldaten-Fans achten eher auf die Umsätze als auf die Gewinne. Denn durch Sparmaßnahmen bis zum Gehtnichtmehr kann man den Gewinn schönrechnen. Die Umsätze sind weniger leicht zu manipulieren.
****) Der DAX darf bei Fälligkeit nicht unter 10.000 bzw. 8.000 Punkten stehen; der einzige "Haken" bei dieser Konstruktion ist, dass man mit einer entsprechenden Anleihe von BNP mit dem gleichen Emittentenriskio vermutlich noch mehr Rendite erhalten würde
*****) zur Erinnerung: steigende Zinsen bedeuten fallende Anleihenkurse, und umgekehrt
******) die Bedeutung der Abkürzung ist umstritten: "future german bunds long", oder auch "federal government bond liability"
*******) Wenn Euch mal jemand fragt, was an der Börse ein Fehlsignal ist, könnt Ihr auf jenen 28. Juli 2023 verweisen!
Hinweis auf Interessenkonflikte: Selbstverständlich halte ich alle genannten Wertpapiere und noch zahlreiche weitere in meinen Depots. Von einigen viel, von anderen weniger. Eine Kursbeeinflussung durch den vorliegenden Text ist aufgrund der hohen Marktkapitalisierung nahezu ausgeschlossen. Ich halte es nur für fair, Titel vorzustellen, von denen ich auch selbst überzeugt bin, so dass ich mit den Lesern im selben Boot sitze.
Gelöst! Gzum hilfreichen Beitrag.
am 04.09.2023 16:45
Mit den Ordergebühren hast du natürlich vollkommen recht. Im Nachhinein würde ich wohl den Allianz Fond nehmen, "Echte" Fonds hatte ich wohl irgendwie ausgeschlossen in der Annahme die können ja nur teurer sein. Immerhin ist der ETF ein Top Preis, der Kauf ging also schon mal als einmalige Sparplanausführung ohne Gebühren.
Solche ETF (oder auch der Allianz Fond) bilden ja im wesentlichen einfach den €STR ab. Solang die Zinskurve steigt dürfte man damit zumindest nicht schlechter als mit einem Tagesgeld Konto sein, eher etwas besser (ohne Ordergebühren natürlich), Lockvogelangebote für Neukunden mal ausgenommen.
Die Zinsänderungen EZB werden ja, Nomen es Omen, quasi Übernacht weiter gegeben. Interessant wird dann halt der Zeitpunkt wenn die Zinskurve stagniert.
Genau genommen braucht man nicht mal den GD200. Es langt ja wenn man den Zeitpunkt abpasst an dem die EZB erstmals einen Zinssatz > 0 verkündet und man feststellt das sich auf dem Tagesgeldkonto nichts tut. Genug Presse hatte das Thema ja.
Im Gegensatz zu anderen Instrumenten kann man hier ja den Kursverlauf zwischen zwei EZB Sitzungen recht gut vorhersagen.
Gruß
Curtis
am 05.09.2023 19:31
Als Nachtrag noch der Vergleich des XTracker ETF (grün) zum Allianz Fond (gelb).
Wie man sieht, sieht man fast nix 🙂
am 13.09.2023 09:21
Hallo @FakeAccount,
erstmal vielen Dank für deine und @nmhs super Erklärungen, hinsichtlich Aktien und Zertifikaten. Das hilft ungemein und ohne diese hätte ich sicherlich nie welche gekauft.
Ich habe nochmal eine Frage zu den deep discount Zertifikaten. Wie steuert der Emittent denn den Verlauf des Discounts? Am Beispiel vom Dax mit einem Cap von 8000. Am Ende der Laufzeit ist der aktuelle Kurs beispielsweise 15000. Dementsprechend wäre der Discount dann ja 7000. Wenn über der kompletten Laufzeit der Dax konstant bei 15000 ist, müsste der Discount mit der Laufzeit abnehmen. So ganz bekomme ich das nicht zusammen und hoffe auf eine aufschlussreiche Erklärung.
Vielen Dank
Torsten
13.09.2023 09:58 - bearbeitet 13.09.2023 10:17
13.09.2023 09:58 - bearbeitet 13.09.2023 10:17
@Toschi7 schrieb:
Ich habe nochmal eine Frage zu den deep discount Zertifikaten. Wie steuert der Emittent denn den Verlauf des Discounts?
Kurz: überhaupt nicht
Lang: Bei der Emission eines Discount-Zertifikates (oder eines anderen Zertifikates mit begrenzter Laufzeit) legt der Emittent die Bedingungen und Konditionen fest und schreibt diese in den Prospekt. Diese sind für die Laufzeit festgelegt und können in keiner Weise von Niemandem (außer im Extremfall von Gesetzgeber) gesteuert werden. Während der Laufzeit bildet sich der Marktpreis - wie der Name vermuten lässt - am Markt. Den will der Emittent nicht steuern (das wäre nicht nur verboten, sondern auch ein Verlustgeschäft für den Emittenten) und kann es auch nicht. Wie oben mehrfach beschrieben, trägt der Emittent während der Laufzeit kein Risiko, sondern verdient nur an der Marge, die er dafür bekommt, daß er einen liquiden Handelsplatz anbietet.
13.09.2023 11:19 - bearbeitet 13.09.2023 11:21
@dg2210 schrieb:
@Toschi7 schrieb:
Ich habe nochmal eine Frage zu den deep discount Zertifikaten. Wie steuert der Emittent denn den Verlauf des Discounts?
Kurz: überhaupt nicht
Lang: Bei der Emission eines Discount-Zertifikates (oder eines anderen Zertifikates mit begrenzter Laufzeit) legt der Emittent die Bedingungen und Konditionen fest ....
Wo wir gerade so nett über diese niemals endende Frage plaudern: Im Flug kann der cleverste Preußenkönig die Kanonenkugel nicht mehr steuern, aber was ist vor dem Abschuss?
Will sagen: Wie viel Willkür steckt vor der Emission in einem Discount?
Mir fällt auf, dass z.B. jetzt DAX-Calls eine wesentlich geringere Rendite haben als vergleichbare (Laufzeit, Barrieren, etc.) DAX-Puts und zwar ist der Unterschied m.E. weitaus größer als die mögliche Unsicherheit, bzw. Fehlerhaftigkeit wenn man zwei entgegenlaufende Scheine vergleicht.
Ist das ein willkürlich gewählter zusätzlicher Parameter der in einem monatlichen Briefing (natürlich für alle neuen Scheine) nach einem Analysten-Meeting angewandt wird?
Oder geht das strikt mathematisch nach historischer Volatilität und den 1000 Kennzahlen, die nur die Freaks kennen?
Schöne Wochenmitte
hx.
am 13.09.2023 11:31
@haxo schrieb:Wo wir gerade so nett über diese niemals endende Frage plaudern: Im Flug kann der cleverste Preußenkönig die Kanonenkugel nicht mehr steuern, aber was ist vor dem Abschuss?
Darauf kann ich nur mit einem preußischen Zitat antworten: Es ist den Untertanen (also auch @haxo ) untersagt, den Maßstab ihrer beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen.
13.09.2023 12:21 - bearbeitet 13.09.2023 12:32
Vielen Dank für Dein tolles Feedback. Ich versuche gerne, Deine Frage zu beantworten.
Die Preise bei Derivaten kommen entgegen der Vermutung von @dg2210 nicht per Angebot und Nachfrage zustande, sondern werden - natürlich!! - von der Emittentin "gesteuert" oder vorgegeben. Dazu legt die Emittentin die Preise zugrunde, die sie für die Absicherung am Terminmarkt bekommt, unter Berücksichtigung ihrer Marge (siehe unten). Die Antwort von dg2210 beruht auf einem großen Missverständnis: Nur Aktien- und Rentenkurse (und Währungen, Rohstoffe usw.) ergeben sich aus Angebot und Nachfrage. Der Preis von Derivaten (im weitesten Sinne inklusive z.B. Aktien-Indizes, ETF, Fonds-Anteile, Zertifikate, Optionsscheine) leitet sich vom Preis der Underlyings und der enthaltenen Optionen ab (englisch to derive = ableiten) und werden vom Market-Maker (Emittentin) vorgegeben oder "gesteuert".
Der Preis eines Discount-Zertifikats ergibt sich rein mathematisch als der Preis des Underlyings (DAX-Index) minus dem Preis einer verkauften Call-Option, die als Basispreis den Cap des Zertifikates hat.
Da die Call-Option bis zum Laufzeitende an Zeitwert verliert, gewinnt im Ergebnis der Preis des Discount-Zertifikates automatisch bis zum Laufzeitende an Wert, falls das Underlying ständig über dem Cap notiert. Du vermutest also richtig: Der Discount nimmt über die Laufzeit ab. Am Fälligkeitstag hat die enthaltene Call-Option keinen Zeitwert mehr, und der Rückzahlungskurs ergibt sich exakt als der Cap, falls der DAX höher liegt. Denn dann hat die Call-Option genau den Wert der Differenz zwischen DAX und Cap.
Ein Beispiel: Ein Discount-Zertifikat auf den DAX mit einem Cap von 8000 und Laufzeit 6/2024 notiert aktuell mit 77,35 zu 77,36 Euro (WKN PD7276). Anders als dg2210 es behautet ist diese Preisspanne von der Emittentin "gesteuert". Erst einmal fällt auf, dass die Emittentin einen um einen Cent höheren Briefkurs stellt. An diesem sogenannten "Spread" verdient die Emittentin.
Wie kommt der Preis zustande? Der faire Wert eines Discount-Zertifikates ergibt sich aus dem Preis des DAX minus dem Preis einer Call-Option mit Laufzeit 6/2024 und Basispreis 8000. Der DAX hat einen Stand von 15623, also ist die Call-Option mit 15623 - 7735 = 7888 eingepreist. Mal sehen, ob das fair ist! Und zwar:
Eine Call-Option auf den DAX mit Laufzeit 6/2024 und Basispreis 8000 hat einen fairen Wert von 7878 Euro, wenn man eine implizite Volatilität von 15 (das ist der derzeitige Stand des VDAX) und einen Zins von 3 Prozent zugrunde legt. Dieser Preis ergibt sich, wenn man die Daten in einen Optionspreisrechner eingibt (Black-Scholes-Modell). Auch an der Terminbörse Eurex werden solche Calls mit ungefähr 7880 Euro gehandelt. Damit erkennt man, dass das genannte Discount-Zertifikat absolut fair bepreist ist - wenn man den Zinssatz von nur 3 Prozent akzeptiert (siehe unten).
Dieser faire Wert unterteilt sich in einen "inneren Wert" von 15623 - 8000 = 7623 und einen "Zeitwert" von den restlichen 7878 - 7623 = 255.
Und was passiert am Laufzeitende? Nehmen wir an, der DAX steht dann bei 15000 Punkten. Also ist die enthaltene Call-Option exakt 15000 - 8000 = 7000 wert. Sie hat nur noch einen inneren Wert, keinen Zeitwert mehr. Der Wert des Discount-Zertifikates ergibt sich nach obiger Formel nach 15000 - 7000 = 8000, also wird das Zertifikat zu 80,00 Euro zurückgezahlt. Das ist keine Hexerei.
Auch Verschwörungstheorien, wie ich sie hier schon wieder lesen muss ("Willkür"), sind nicht hilfreich. In Deutschland herrscht starker Wettbewerb zwischen den Emittenten. Wer da willkürliche Preise stellt, ist schnell aus dem Geschäft. Ich habe es schon tausend Mal erklärt, aber leider scheinen es nicht alle zu lesen: Emittenten verdienen einerseits am Spread, vor allem aber daran, dass das Zertifikat etwas teurer ist als die Summe der Preise der eingebauten Komponenten, und drittens daran, dass der eingepreiste Zins viel niedriger ist als der Marktzins, den die Emittentin für eine vergleichbare Anleihe bezahlen müsste. Wer es mit dem Aufgeld übertreibt, wird schnell keine Zertifikate mehr verkaufen. Und wer sich die Mühe macht, die Preise von Zertifikaten mit den Preisen der Einzelteile an der Eurex zu vergleichen, kommt zum Ergebnis, dass das Zertifikat natürlich etwas "zu teuer" ist, dass aber der Handel an der Terminbörse mit den sehr hohen Kontraktgrößen für die meisten Privatanleger trotzdem keine vernünftige Alternative ist.
Das ist wie wenn man ein Auto kauft oder verkauft. Das Auto ist beim Händler teurer als die Summe der eingebauten Teile. Und beim Gebrauchtwagenhändler kostet das Auto im Verkauf an den Kunden mehr als er einem Kunden für den Ankauf bezahlt. Nur dass der Autohandel bei weitem nicht so transparent ist wie der Handel von Derivaten, wo die Preise für die "Einzelteile" für jedermann nachvollziehbar sind.
Erhöht man im Optionspreisrechner übrigens den Zins von 3 Prozent auf realistischere 6 Prozent, steigt der Preis für die Call-Option bereits auf knapp 80 Euro. Wenn man also unterstellt, dass die BNP als Emittentin auf vergleichbare Anleihen eigentlich 6 Prozent Zinsen bezahlen müsste, erkennt man, dass das Discount-Zertifikat ungefähr 1,50 Euro zu teuer ist. Das hat aber nichts mit Willkür zu tun, sondern ist einfach die Marge des Emittenten. Anleger können sich die Parameter völlig problemlos selbst ausrechnen.
Ich habe auch schon öfters erklärt, warum generell Puts niedriger rentieren als Calls, und warum daher die Strategie, Puts zu "schreiben", überaus lukrativ ist. Bitte nachlesen.
Hochachtungsvoll
der Nachbar von nmh
am 13.09.2023 12:42
*Seufz*
Leider habe ich keinen Nachbarn, der meine Beiträge ins rechte Licht setzen kann, aber die ständige Fehlinterpretation des Begriffs "Willkür" verhindert leider seit gefühlten zehn Jahren die Beantwortung meiner Frage bzw. meiner zugegebenen Unwissenheit.
"Willkür bezeichnet ursprünglich wertneutral die Entscheidungsfreiheit im Gegensatz zur Notwendigkeit, in bestimmter Weise zu verfahren." (Wikipedia)
Hat also per Definition nichts mit dem trivialen Sachverhalt zu tun, dass die Maß des bayrischen Oberbürgermeisters voller eingeschenkt wird als die des Touristen aus Berlin-Wilmersdorf ("Dit is doch Willkür!")
Kein Geschäft der Welt wird streng mathematisch aus gottgegebenen Vorgaben erstellt. Aber egal...
13.09.2023 12:55 - bearbeitet 13.09.2023 12:59
Das habe ich vielleicht in den falschen Hals gekriegt, tut mir leid. Ich möchte nur nicht, dass der Eindruck entsteht, dass Derivate "Teufelszeug" sind und dass man eh nur übers Ohr gehauen wird.
Als Emittent von Zertifikaten habe ich diverse Einflussfaktoren, um die Preise zu meinen Gunsten zu "manipulieren", namentlich den Spread (das fällt aber sofort auf), die Marge der Einzelteile (ist schon schwieriger nachzuvollziehen) und vor allem den eingepreisten Zins. Wenn der eingepreiste Zins - wie meistens - viel niedriger ist als der Zins, den ich auf eine Anleihe bezahlen müsste, führt das automatisch dazu, dass meine Produkte "zu teuer" werden, und das festzustellen, ist schon schwieriger - siehe meine Herleitung oben.
Trotzdem sorgt der Wettbewerb unter den Emittenten dafür, dass man als Anleger nicht besorgt sein muss, übermässig übers Ohr gehauen zu werden. Es ist wie wenn Du im Supermarkt einen Joghurt kaufst: natürlich ist der teurer als sein fairer Preis, und natürlich schlagen die Märkte und die Hersteller mehr auf die Rohstoffpreise drauf als beispielsweise die Inflation es rechtfertigt. Ich persönlich mag keinen Joghurt, aber wenn ich einen essen wollte, würde ich trotzdem das (leicht) überteuerte Produkt aus dem Supermarkt wählen und mir nicht meinen Joghurt selbst herstellen.
Übrigens sind die Desserts, die mein Nachbar nmh selbst herstellt (Mousse, Panna Cotta, Tiramisu mit Frischei statt nur Sahne), viel besser als alles vergleichbare aus dem Supermarkt!
Die Mathematik hinter Derivaten ist nicht besonders komplex. Mir und meinem Nachbarn geht es nur darum, dass sich niemand die Mühe machen muss, die Preise genau nachzuvollziehen, wenn er nicht möchte. Man darf durchaus darauf vertrauen, dass Zertifikate und Optionsscheine in aller Regel "reasonably fair" bepreist sind, und sollte die Preise einfach akzptieren. Man kann es entweder selbst nachrechnen (siehe obigen Beitrag), oder einfach den Profis vertrauen, die solche Derivate täglich handeln und die Preise selbstverständlich geprüft haben und regelmässig prüfen.
BG!
am 13.09.2023 13:57
Wahnsinn... Danke für die aufschlussreiche Erklärung. Jetzt ist das alles klarer und ich kann zuschlagen.
Viele Grüße
Torsten