so geht's: Bonuszertifikate für Kenner

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Liebe Zertifikatefreunde (m/w),

 

ich freue mich sehr über das positive Feedback auf meine Idee, mit Bonus-Zertifikaten anzulegen. Dennoch gibt es einige Fallstricke, vor denen ich Euch schützen möchte. Zur Erinnerung:

 

Ähnlich wie die bekannten Discount-Zertifikate ist ein Bonus-Zertifikat ein Wertpapier mit eigener WKN, das eine Aktie oder einen Index (z.B. DAX) als Ausgangsbasis hat, der sogennante "Basiswert". Es gibt also zum Beispiel von der Commerzbank, von der BNP oder von der Deutschen Bank jeweils Bonus-Zertifikate auf den DAX, auf die Siemens-Aktie oder auf andere Aktien. Die jeweilige Aktie oder der DAX ist der Basiswert oder auch "Underlying" genannt, und die Bank, die das Zertifikat herausgibt, ist der Emittent. Außerdem hat jedes Bonuszertifikat u.a. eine bestimmte Laufzeit (Fälligkeitstag), eine Barriere und einen Bonusbetrag, der dann garantiert ausgezahlt wird, wenn der Basiswert die Barriere niemals während der Laufzeit verletzt hat. Die Barriere sollte also unter dem aktuellen Kurs des Basiswertes liegen. Die Art der Tilgung (bei Fälligkeit) hängt beim Zertifikat also davon ab, wie sich der Basiswert während der Laufzeit verhalten hat. Konkreter:

 

Es gibt zwei Typen, die leider neulich bei der Diskussion durcheinander geworfen wurden:

1.   Bonus-Zertifikate ohne Obergrenze

Parameter: Basiswert, Barriere, Bonusbetrag, Fälligkeitstag

Es gilt: Wenn die Barriere während der gesamten Laufzeit des Zertifikates niemals berührt oder unterschritten wird, dann gibt es am Fälligkeitstag entweder den Bonusbetrag (in bar) oder den Wert der Aktie, je nachdem, was höher (für den Anleger besser) ist. Falls der Bonusbetrag zur Auszahlung kommt, hat man die sogenannte "Bonusrendite" kassiert.

Falls die Barriere touchiert wurde, entfällt der Bonusanspruch, es gibt also bei Laufzeitende (erst dann!) den Wert der Aktie -- ohne Limit nach oben oder unten.

"Wert der Aktie" bedeutet entweder Barausgleich (bei den meisten Emittenten) oder einen Umtausch in die Aktie (z.B. bei Commerbank-Zertifikaten, meistens im Verhältnis eins zu eins).

2.   Bonus-Zertifikate mit Obergrenze ("capped bonus")

Parameter: Basiswert, Barriere, Bonusbetrag, Obergrenze, Fälligkeitstag

Es gilt: Wenn die Barriere während der gesamten Laufzeit des Zertifikates niemals berührt oder unterschritten wird, dann gibt es am Fälligkeitstag entweder den Bonusbetrag (in bar) oder den Wert der Aktie, je nachdem, was höher ist, jedoch maximal die Obergrenze.

Falls die Barriere touchiert wurde, entfällt der Bonusanspruch, es gibt also bei Laufzeitende (erst dann!) den Wert der Aktie, jedoch maximal die Obergrenze.

Die Obergrenze stimmt in aller Regel mit dem Bonusbetrag überein. In diesem häufigen Sonderfall gibt es nur zwei Szenarien bei Laufzeitende:

1.  Die Barriere wurde irgendwann verletzt, dann gibt es den Wert der Aktie.

2.  Die Barriere wurde nie verletzt, dann wird die Obergrenze in bar ausgezahlt, und man hat die maximal mögliche Rendite vereinnahmt, die in diesem Fall mit der Bonusrendite identisch ist.

"Wert der Aktie" bedeutet entweder Barausgleich (bei den meisten Emittenten) oder einen Umtausch in die Aktie (z.B. bei Commerbank-Zertifikaten).

 

Wovon hängt die Rendite ab?

 

Je länger die Restlaufzeit des Zertifikates, je höher die während der Restlaufzeit gezahlte Dividende des Basiswertes und je stärker der Basiswert schwankt, desto wahrscheinlicher ist ein Bruch der Barriere während der Restlaufzeit, und desto höher ist folglich die Bonus-Rendite des Zertifikates.

Welchen Haken haben Bonus-Zertifikate?

1.  Die Dividende, falls während der Laufzeit eine gezahlt wird, geht verloren. Damit wird der Bonus-Effekt finanziert. Aus diesem Grund sind Bonus-Zertifikate auf dividendenstarke Aktien attraktiver.
2.  Manche Bonuszertifikate kosten mehr als zur gleichen Zeit die Aktie. Man spricht vom "Aufgeld". Auch dadurch wird der Bonusanspruch finanziert. Achtung: Falls die Barriere verletzt wird, ist das Aufgeld für immer verloren.*
3.  Falls es eine Obergrenze gibt, ist nicht mehr Rendite drin - ähnlich wie beim Discount-Zertifikat.
4.  Falls der Emittent während der Laufzeit pleite geht, ist das Geld weg.

Und warum soll ich das tun?


Capped-Bonus-Zertifikate (also mit Obergrenze) mit tiefer Barriere eignen sich sehr gut für einen kurzen Zeitraum von einigen Monaten bis wenigen Jahren. Man bekommt mit sehr hoher Sicherheit (falls die Barriere tief genug ist) eine anständige Rendite (nämlich die maximal mögliche Rendite). Durch den Discount kann der Bonusmechanismus ebenso finanziert werden wie mit der Dividende. Aus diesem Grund gibt es bei Capped Bonus-Zertifikaten manchmal sogar ein Abgeld, das Zertifikat ist also billiger als die Aktie. Das wäre perfekt!

Und wenn man bei comdirect im Rahmen der 3,90-Euro-Aktion kauft, ist der Kauf einer Aktie über den Umweg eines Bonuszertifikates billiger als wenn man direkt kauft. Mehr dazu steht hier. Kleinvieh macht auch Mist!

 

Ich bevorzuge gecappte Bonus-Zertifikate (also mit Obergrenze), weil hier zwar die mögliche maximale Rendite, aber auch das Risiko geringer sind.

Wie wählt man Bonus-Zertifikate? Am besten auf   zertifikate.finanztreff.de

Dort könnt Ihr die unterschiedlichen Typen ein- und ausschalten. Bitte schaltet gecappte Zertifikate und normale Bonuspapiere ein.

Bei der Auswahl von Bonussen auf finanztreff.de beachtet Ihr bitte folgendes:

1.  Entscheidet Euch für einen Basiswert (z.B. DAX oder eine Aktie), dem Ihr weder extrem große Sprünge nach oben noch nach unten zutraut.
2.  sehr wichtig: Achtet auf ein niedriges Aufgeld. Maximal 10% p.a., besser weniger als 5% p.a. Denn das Aufgeld ist ersatzlos futsch*, wenn die Barriere durchbrochen wird. Perfekt wäre natürlich ein Abgeld (also ein Aufgeld kleiner Null: Zertifikat ist billiger als die Aktie).
3.  Wählt eine niedrige Barriere, von der Ihr glaubt, dass sie während der Laufzeit des Zertifikates nicht verletzt wird. Die Barriere sollte also je nach Schwankung der zugrunde liegenden Aktie möglichst mindestens 10, 15 oder besser sogar 20 Prozent vom aktuellen Kurs entfernt sein.

4.  Wenn Ihr diese Kriterien richtig anwendet und die Ergebnisse nach maximaler Rendite sortiert, werden Euch ganz oben Zertifikate angezeigt, die typischerweise eine Restlaufzeit von einem bis zwei Jahren haben.

Warum finanztreff? Weil man da nach dem Aufgeld filtern kann, und weil dort das Aufgeld p.a. angezeigt wird. Beides geht bei comdirect im Informer nicht.

 

Hier ist eine Auswahl an Bonus-Zertifikaten, die ich in den letzten Wochen gekauft habe:

 

Zertifikat  Basiswert  Barriere  Bonus  Obergrenze  Laufzeit

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CA2KEP      Lufthansa    16.00    26.50  26.50      31.12.19

CA2KGV      RWE          15.00    23.00  23.00      27.09.19

CJ3E2E      Telefonica    6.80     8.90   8.90      27.09.19

PZ3Q3P      Enel          4.00     6.00  keine      26.09.19

CA1AZW      E.ON          7.60    10.90  10.90      27.09.19

CV58HR      Allianz     165.00   251.00 251.00      31.12.19

CJ8CDE      TUI          10.00    16.70  16.70      27.03.20

CJ8FUY      Freenet      12.00    22.50  keine      26.06.20

CJ3CEW      Talanx       28.00    37.50  37.50      27.09.19

CJ3BWA      Evonik       20.00    28.00  28.00      27.09.19

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Maximale Rendite, Aufgeld und Abstand der Barriere bitte selbst ausrechnen. Oder bei Finanztreff eingeben.

 

Wie Ihr erkennt, sind das alles dividendenstarke Aktien. Warum Bonuspapiere dann attraktiv sind habe ich oben bereits begründet.


Ich hoffe, das hilft ein wenig bei der Auswahl passender Zertifikate.

nmh

 

_____________________

*)  Bonuszertifikate mit hohem Aufgeld haben einen Hebel, falls der Kurs des Basiswertes auf die Barriere zuläuft, weil der Abbau des Aufgeldes schneller geht als der Kursverfall des Basiswertes. Beispiel: Ein Bonuszertifikat kostet 30 Euro, die Aktie kostet 20 Euro und die Barriere liegt bei 15 Euro. Wenn die Aktie von 20 auf 15 Euro fällt (minus 25 Prozent), dann ist die Barriere kaputt, und das Aufgeld ist für immer verloren. Das Bonuszertifikat wird dann in die Aktie umgetauscht und ist aus diesem Grund von 30 auf ebenfalls 15 Euro gefallen -- minus 50 Prozent, also doppelt so viel wie die Aktie! Aus diesem Grund sollte man ein niedriges Aufgeld wählen. Bonuszertifikate mit zu hohem Aufgeld sind ein typischer Anfängerfehler.

 

18 ANTWORTEN
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Hallo @nmh,

 

danke für den interessanten Artikel! Du hast das Thema sehr verständlich rübergebracht. Bonuszertifikate sind eventuell das Mittel, um zukünftig meinen Spieltrieb zu befriedigen ohne großartig hektisch zu werden, wie es mir bei Wirecard passiert ist.

 

Vielleicht kann der Thread eine Ideensammlung für gemäßigtes Traden werden. Mir persönlich ist es zu heiß, in Hebelpapiere zu investieren.

 

Auf dem Heimweg

Sonni

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Was haben Fußball und Derivate (Zertifikate) gemeinsam? Bei beiden kommt es auf das Team an. Es gibt Spieler und Zertifikate für die Defensive, Spielmacher, Offensive, Torwart ... auf dem Platz und im Depot!

 

Näheres dazu erklärt eine schöne Broschüre, die man unter dem Stichwort

 

Broschuere-Derivate-Liga DDV

als PDF-Datei in diesem verrückten "Internet" findet. Da sind alle Zertifikate erklärt.

 

Disclaimer: Wie allgemein bekannt ist kenne ich mich mit vier Dingen überhaupt nicht aus, nämlich ETF, Sparpläne, Autos* und eben Fußball. Aber mit Zertifikaten arbeite ich seit 15 Jahren überaus erfolgreich.

 

nmh

 

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*) Mein Auto (Zitat meiner Freunde, die sich mit Autos auskennen: "sehr, sehr schönes Auto, aber hoffnungslos untermotorisiert") hat seit gestern exakt 100.000 km, ist 15 Jahre alt. Gut, daß ich seit neustem ein Smartphone besitze und den Tacho mit der runden Zahl abfotografieren konnte.

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@nmh  schrieb:
*) Mein Auto (Zitat meiner Freunde, die sich mit Autos auskennen: "sehr, sehr schönes Auto, aber hoffnungslos untermotorisiert") hat seit gestern exakt 100.000 km, ist 15 Jahre alt. Gut, daß ich seit neustem ein Smartphone besitze und den Tacho mit der runden Zahl abfotografieren konnte.

@nmhhat Freunde???

Spaß beiseite: Auch im schönen München gibt es preisgünstige Auto-Tuner, die dir den Tacho auf jeden gewünschten Wert einstellen.

AchtA
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auf von mir ein herzliches Dankeschön für die verständliche Erklärung! Wenn mein Rechenschieber recht hat, sind ja beim Allianz Bonus Zertifikat (CV58HR) satte 22% Rendite möglich, chapeau! Und wenn die Gefahr besteht, dass die Barriere berührt wird, wechsel ich die Versicherung und geh zur Allianz.

Mentor ★
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Mitglied seit: 26.05.2017

Das Allianz-Zertifikat ist mir auch sofort ins Auge gesprungen (was daran liegt, dass ich als Aktionär den ungefähren Kurs kenne Smiley (zwinkernd) ). Sieht wirklich interessant aus.

 

Die anderen werde ich mal* anschauen. TUI und Telefonica waren in letzter Zeit ebenso Werte, mit denen ich mich beschäftigt habe, das wären auch recht interessante Kandidaten für mich.

 

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*die Durchforstung des letzten - echt ziemlich langen - Einkaufszettels dauert noch an!

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@baha  und @AchtA:



Das Allianz-Capped-Bonus-Zertifikat CV58HR hat ein Aufgeld von 10,6% p.a. - das ist fast schon im roten Bereich, aber noch akzeptabel. Im Gegenzug ergibt sich eine sehr attraktive Rendite von 25% p.a., falls die Allianz-Aktie bis Dezember 2019 niemals unter 165 Euro sinkt - also von heute minus 12%, was nicht viel ist.

 

Ihr seht: die hohe Rendite von 25% p.a. erkauft Ihr Euch mit einer recht nahen Barriere. Wenn die durchbrochen wird, ist das recht hohe Aufgeld weg, also verliert Ihr dann mehr als mit der Aktie.

 

Ich habe dieses Zertifikat im Dezember mehrfach gekauft.

 

nmh

 

AchtA
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@nmh:

Handelt es sich denn beim Aufgeld um einen festen Prozentsatz oder verändert sich dieser mit abnehmender Laufzeit und/oder fallenden/steigenden Kursen? Falls dem so ist, geschieht dies linear oder exponentiell oder wäre die Rechnung so kompliziert, dass es meinen Rechenschieber dabei zerreißt?

 

Die 12% Abstand sind mir gestern auch aufgefallen, aber nachdem der Kurs das letzte Mal vor 2 Jahren  bei 165 Euro lag, wäre ich (naiv und unerfahren wie ich bin) da recht zuversichtlich.

 

Schöne Grüße aus den Bergen!

achta

 

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@AchtA:

 

Das Aufgeld ist kein fester Prozentsatz, sondern es ändert sich ständig und hängt von unterschiedlichen Parametern an. Mehr dazu steht in der Fussnote aus meinem obigen Originalbeitrag.


Viele Grüsse aus einem tief verschneiten München

 

nmh

 

AchtA
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Dank dir! Gestern gelesen und heut früh schon wieder vergessen gehabt. Entweder es ist die beginnende Altersdemenz oder jemand hat hier die Bohnen ausgetauscht und der Kaffee ist entkoffeiniert.